Um etwas zur Meinungsvielfalt beizutragen, habe ich diese Rubrik auf meiner Homepage eingeführt. Hier sammle ich besonders herausragende Katastrophen deutscher Sprach"kunst". Aber nicht nur das: Ich kommentiere die Texte, um zu zeigen, was meiner Meinung nach im Argen liegt und um zu zeigen, wie viel teilweise gefährlicher Unsinn gedruckt wird.

Der Text der Artikel ist in schwarzer Farbe gedruckt, meinen Anmerkungen habe ich blaue Farbe gegeben.
  1. Grundsätzliches zu dieser Rubrik

  2. Blutiger Anschlag überschattet Friedensbemühungen (Die Rheinpfalz)

  3. Arbeiten wie der Hamster im Laufrad (Die Rheinpfalz)

  4. Leipzig: Her mit Olympia! (Leipziger Volkszeitung)

  5. Das Bundesministerium der Finanzen intensiviert die Bekämpfung der Schwarzarbeit (Bundesministerium für Finanzen)

  6. Ladenschluss: Urteil des Ersten Senats beim Bundesverfassungsgericht vom 9. Juni 2004




Die Rheinpfalz, Donnerstag, 28. März 2002, Seite 1:



Blutiger Anschlag überschattet Friedensbemühungen in Nahost


Bombe in israelischem Hotel gezündet: 16 Tote - Arabergipfel zerstritten


JERUSALEM/BEIRUT (afp/rtr) Mit einem blutigen Selbstmordanschlag in Israel haben die Friedensbemühungen im Nahen Osten einen neuerlichen Rückschlag erlitten.

Wenn die Friedensbemühungen (Wie sehen die behaupteten Friedensbemühungen aus? Wer unternimmt sie, und wo gibt es sie?) im Nahen Osten einen neuerlichen Rückschlag (Wann war der letzte Rückschlag? Wodurch wurde er verursacht? Gibt es überhaupt etwas, das einen so nennenswerten Weg zurückgelegt hat, als dass man es zurückschlagen könnte?) erlitten haben, dann DURCH den Anschlag und nicht MIT: Der Anschlag soll der Grund für den Rückschlag, den die Friedensbemühungen "erlitten haben", sein. Er ist nicht identisch mit einem Rückschlag, auch wenn dies der Schreiber dadurch nahelegen will, dass er jegliche Kausalität in seinem Satz vermeidet.

Ein palästinensischer Selbstmordattentäter sprengte sich gestern Abend in einem Hotel in der nordisraelischen Küstenstadt Netanya in die Luft und tötete nach Angaben der Polizei 16 Israelis.
Zu dem Attentat im Restaurant des Park-Hotels, bei dem mehr als hundert Menschen verletzt wurden, bekannte sich die militante Palästinenserorganisation Hamas.


Ist das Park-Hotel mit den 100 Verletzten aus Satz zwei identisch mit dem "Hotel in der nordisraelischen Küstenstadt Netanya", in dem es 16 Tote gegeben hat? Wenn ja: Wo kommen die 100 Verletzten her, und wo sind die 16 Toten geblieben? Was um aller Götter Willen ist eine militante Palästinenserorganisation? Wäre es korrekt, die israelische Armee als militante Israelitenorganisation und die Bundeswehr als militante Deutschenorganisation zu bezeichnen. Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Oder darf man nur das als militant bezeichnen, was nicht im Auftrag einer Staatsregierung handelt? Außerdem: Was würden wir Deutschen denken, wenn im Ausland ständig von der "geldgierigen Deutschenorganisation Finanzamt" die Rede wäre?

Der Attentäter kam ums Leben.

Bereits im ersten Satz des Artikels war von einem Selbstmordanschlag die Rede. Kurz: Der Schreiber hat schon die ganze Karte verraten. Insofern wäre es eher eine Überraschung, wenn der Attentäter seinen Selbstmordanschlag überlebt hätte.

Wegen seiner Lage nahe dem Westjordanland ist Netanya immer wieder Ziel palästinensischer Anschläge.

Eine unsinnige Behauptung und noch dazu ohne Beleg: (1) Wie viele Anschläge gab es in den letzten Monaten in Netanya, wenn die Stadt "immer wieder" das Ziel palästinensischer Anschläge ist? Woran erkennt man im übrigen palästinensische Anschläge? (2) Wieso hat die Lage der Stadt etwas mit der Häufigkeit von Anschlägen zu tun? Angesichts der räumlichen Verhältnisse im Nahen Osten gibt es kaum eine Stadt oder ein Dorf, von denen man nicht sagen könnte, sie seien "nahe dem Westjordanland" gelegen.

Wegen des Beginn des jüdischen Passah-Festes waren in Israel seit dem Morgen 10.000 Polizisten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.

Genitiv mit "s": "Wegen des Beginns"; Hier steht: Das Passah-Fest ist der Grund dafür, dass 10.000 Polizisten nicht mitfeiern dürfen. Man kann den Satz auch anders lesen: Beim Passah-Fest geht es so hoch her, dass 10.000 Polizisten für Ordnung sorgen müssen. Aber: Waren es wirklich 10.000 Polizisten, nicht vielleicht 10.001?

Die Feiertage beginnen am Mittwochabend mit dem traditionellen Seder-Mahl.

Aha! Feste sind gewöhnlich traditionell. Es ist eher ungewöhnlich, das zu betonen. Es sagt ja auch niemand, dass an Weihnachten der traditionelle Baum geschmückt wird.

Israel warf Palästinenserpräsident Arafat vor, keinen Waffenstillstand zu wollen.

Ein Staat wirft einer Person etwas vor. Nun gut, aber: Wer hat wem wann einen Waffenstillstand vorgeschlagen? Und was hat der Vorwurf mit dem Anschlag im Park-Hotel bzw. mit dem Anschlag im Hotel in der nordisraelischen Küstenstadt Netanya zu tun? Was ist ein Palästinenserpräsident? Ist das so etwas wie ein "Deutschenpräsident" oder ein Amerikanerpräsident oder ein Russenpräsident? Und was hat der "Palästinenserpräsident Arafat" mit dem Anschlag - wo auch immer er sich ereignet haben mag - zu tun?

Dem Terror solle offenbar kein Ende geboten werden.

Welchem bzw. wessen Terror soll von wem kein Ende geboten werden?

Die Palästinenserführung versprach, "gegen jede palästinensische Gruppe vorzugehen, die für diese Tat verantwortlich ist".

Wer ist "die Palästinenserführung"? Hat "die Palästinenserführung" etwas mit dem "Palästinenserpräsidenten" zu tun? Ist Letzterer Teil von Ersterer oder Erstere von Letzerem unabhängig oder beides eins oder was? Welche Tat ist "diese Tat".

Das Attentat traf zusammen mit dem Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Beirut, wo eine Initiative Saudi-Arabiens für Frieden in Nahost beraten werden soll.

Wo haben sich beide, Attentat und Gipfeltreffen, getroffen? In Beirut, auf dem Weg dahin, im Zug? Da die "Initiative Saudi-Arabiens" nicht in ganz Beirut, sondern anlässlich des Gipfeltreffens "der Arabischen Liga in Beirut" beraten werden soll, wird die Initiative ANLÄSSLICH DES Gipfeltreffens und nicht "WO" beraten.

Der erste Tag endete allerdings im Streit um die Direktübertragung einer Arafat-Rede, die nach palästinensischen Angaben blockiert wurde.

Wer hat die Direktübertragung blockiert? Und von wem sind die "palästinensischen Angaben"? - Vom Schreiber?

Arafat hatte sein Kommen am Vorabend abgesagt, nachdem Israel eine Reisegenehmigung verweigert hatte.

D.h.: Arafat wurde von Seiten der Israelischen Regierung keine Reisegenehmigung erteilt, und DESHALB hat er sein Kommen absagen müssen. Zwischen dem Verweigern einer Reisegenehmigung durch "Israel" und der Absage Arafats besteht ein KAUSALER und kein zeitlicher Zusammenhang. Dass man als Journalist Kausalitäten aufzeigt, sollte selbstverständlich sein. (Es sei denn, man bemerkt sie nicht, aber dann hat man seinen Beruf verfehlt.)

Auch die Staatschefs von Ägypten und Jordanien, Mubarak und Abdullah, kamen nicht.

Wurde den Staatschefs AUCH die Reisegenehmigung verweigert? Wenn ja, von wem?

Der saudiarabische Kronprinz Abdullah stellte seine seit Wochen diskutierte Friedensinitiative persönlich vor.

Wann wurde die Friedensinitiative wem und wo vorgestellt? Wenn die Friedensinitiative anlässlich des Gipfeltreffens der Arabischen Liga in Beirut von Kronprinz Abdullah vorgestellt wurde, in welchem Verhältnis steht sie zum Streit um die Direktübertragung einer Arafat-Rede, die blockiert wurde (- von wem auch immer)? War trotz Streit noch Zeit für eine Vorstellung oder der Streit nur eine kleine Episode am Rande der Friedensinitiative, die vorgestellt wurde. Wenn Letzteres zutrifft, warum wird vom nebensächlichen Streit berichtet? Und überhaupt: Wenn schon seit Wochen über die Friedensinitiative diskutiert wurde, die Kronprinz Abdullah erst nach dieser wochenlangen Diskussion vorstellt, worüber wurde dann die ganze Zeit diskutiert? Über das, was der Kronprinz vermutlich vorstellen wird, d.h. über eine nicht bekannte Friedensinitiative? Wie diskutiert man etwas, das man nicht kennt?

Er bot dem israelischen Volk "normale Beziehungen" zu den arabischen Staaten an.
Im Gegenzug müsse Israel alle seine 1967 besetzten Gebiete aufgeben.
Dies lehnte Israels Ministerpräsident Sharon ab.


Alles, was ab jetzt von der Friedensinitiative berichtet wird, hat demnach die Zustimmung von Israels Ministerpräsidenten Sharon gefunden:

Der Kronprinz forderte ferner, es müsse einen palästinensischen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt geben.
Auf Drängen Syriens war auch ein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge in den Plan aufgenommen worden.


Eine Person (der Kronprinz) fordert, und ein Staat (Syrien) drängt. Ganz nebenbei: Rückkehrrecht wohin - oder: von wo nach wo? Dass der israelische Ministerpräsident Sharon das akzeptiert haben soll, ist erstaunlich.

Aus Diplomatenkreisen in Beirut hieß es, die Glaubwürdigkeit einer arabischen Nahost-Friedensinitiative werde durch die Abwesenheit Arafats und der Staatschefs Jordaniens und Ägyptens auf eine harte Probe gestellt.

Wie kann man "Glaubwürdigkeit ... auf eine harte Probe" stellen? Wer versteckt sind hinter dem Begriff "Diplomatenkreise", versteckt sich überhaupt jemand dahinter? Wie hat man sich einen Kreis von Diplomaten vorzustellen? Vielleich als Anzahl von Diplomaten, die im Kreis stehen? Wie kann es nun aus dem Kreis heraus etwas heißen? Vielleich, wenn in dem Kreis aus Diplomaten noch einer - z.B. ein weiterer Diplomat steht, nur: Dann sagt doch dieser Diplomat etwas, und die Tatsache, dass um ihn herum ein Kreis gebildet wurde, ist zwar skurril, aber nebensächlich. Allerdings muss man dann den Namen dessen nennen, der im Kreis steht.... Sprechende Kreise erinnern irgendwie an heilende Steine.

Von den 22 arabischen Delegationen beim Gipfel wurden nur zehn von Staatschefs angeführt.
Auch die USA schraubten ihre Erwartungen an den Gipfel herunter.


Selbst die Amerikaner haben am Ende noch etwas bemerkt... Spaß beiseite: Was wäre aus den US-amerikanischen Erwartungen geworden, wenn - sagen wir 12 (mehr als 50%, das reicht, um amerikanischer Präsident zu werden) Delegationen beim Gipfel von Staatschefs angeführt worden wären? Wären die Erwartungen dann "hinauf" geschraubt worden? Wie schraubt man Erwartungen überhaupt? Wie kann man z.B. die Erwartung, dass ein Leser den Text, den ein Schreiber gerade geschrieben hat, lesen wird, herunter oder hinauf schrauben? Ist es nicht vielmehr so, dass man eine Erwartung haben kann und dass sich die Erwartung als richtig (der Leser liest) oder als falsch (der Leser liest nicht) erweisen kann?


In den 73 Zeilen des "Aufmachers" der Rheinpfalz vom 28. März 2002 ist es dem Verfasser gelungen, wirre Sätze zu einem Amalgam unverständlichsten Deutschs zu mischen. Es kann sein, dass er es einfach nicht besser kann. Das wäre eine Erklärung. Es kann auch sein, dass er zu den Redakteuren gehört, die sich selbst für klug, ihre Leser aber für dumm halten: Deshalb müsse die elitäre Sprache, die man als Schreiber eigentlich pflegt, zu einem regelrechten Gebell einfachster Sätze reduziert werden. Das wäre eine andere Erklärung.

Zudem fällt auf, dass der Schreiber es peinlichst vermeidet, Sätze in einen Zusammenhang zu stellen oder gar eine Kausalität zu beschreiben, z.B. in der Form: Weil XY etwas getan hat, konnte Z. etwas anderes nicht tun. Diese Vermeidungsstrategie ist dem Phänomen geschuldet, das in Deutschland als "objektive Berichterstattung" durch die Redaktionen geistert. Was "objektive Berichterstattung" ist, das weiss keiner, nur dass sie erstrebenswert sei, das meinen viele zu wissen und dass jeglicher Zusammenhang, jegliche Einordnung und vor allem jegliche Kausalität mit "objektiver Berichterstattung" unvereinbar ist. Aus diesem Grund lassen Schreiber, wie der oben zitierte, alles offen, füllen die Texte mit ihren Vorurteilen (versteckt in "bloßer" Beschreibung), machen noch ein paar Auslassungen, unterschlagen noch ein paar Prämissen und opfern dafür die journalistische Lauterkeit.

Die objektive Beschreibung: "Fritz rannte aus dem Gehege und ließ das Tor offen. Hans konnte nicht entkommen. Er wurde von einem Löwen zerrissen." sagt nun einmal nichts aus: Waren Fritz und Hans gemeinsam auf der Flucht vor dem Löwen, und Hans hat es einfach nicht geschafft? Wurde Hans vom Löwen zerrissen, weil Fritz die Tür offengelassen hat und der Löwe somit ins Gehege konnte, um sich dort an Hans gütlich zu tun? Wer sagen will, was geschehen ist, hat keine andere Wahl als seine Sätze in den Zusammenhang zu stellen, in den sie gehören: Obwohl Fritz, der aus dem Gatter rannte, die Tür offen ließ, gelang es Hans nicht zu entkommen. Er wurde von einem Löwen zerrissen. Hat der "objektive" Schreiber nicht bemerkt, dass seine Darstellung mehrere Deutungsmöglichkeiten zulässt, oder hat er bewusst in Kauf genommen, dass ein Leser denken könnte, Fritz habe eine gute Methode gefunden, um Hans loszuwerden? Im ersten Fall hat er seinen Beruf verfehlt. Im zweiten Fall ist er seiner journalistischen Lauterkeit - so er sie je hatte - verlustig gegangen.


nach oben

Das folgende Beispiel gehört in die Kategorie “nicht recherchiert”. Eigentlich sollte die Recherche das sein, was einen Journalisten auszeichnet: Er kennt sein Thema, wie kein anderer, denn er hat sich darüber kundig gemacht. Der folgende Beitrag ist jedoch weit davon entfernt, ein gut recherchierter Beitrag zu sein. Der Schreiber scheint sich blind auf das verlassen zu haben, was ihm von den Agenturen gemeldet wurde. Der Beitrag ist eine Stilblüte der objektiven Berichterstattung: Es wird bedenkenlos weitergegeben, was dem entsprechenden Schreiber zu Gesicht kommt, ohne dass er sich auch nur einmal gefragt hätte, ob das, was er da zu drucken in Begriff ist, auch stimmt. Hätte er sich nicht nur gefragt, ob das, was er drucken will, stimmt, sondern darüber hinaus eine Antwort auf seine Frage gesucht, ihm wäre mit Sicherheit manches aufgefallen, und er dürfte sich zurecht “Journalist” nennen.




Die Rheinpfalz, Nr. 99, vom 29.04.2002


Arbeiten wie der Hamster im Laufrad


Wissenschaftler: Workoholic die neue Volkskrankheit

Bremen (stg). Workaholic ist zu einer neuen Volkskrankheit geworden.

In Deutsch: Arbeitssüchtig ist zu einer neuen Volkskrankheit geworden. Wenn man Anglizismen benutzt, um seine Gelehrtheit zur Schau zu stellen, dann doch bitte richtig, d.h. das Nomen und nicht das Adjektiv: “Workoholism” ist zu einer neuen Volkskrankheit geworden. Außerdem hätte man als Teil des Volkes, der man nun einmal ist, gerne gewusst, was die alte “Volkskrankheit” war. Was ist überhaupt eine Volkskrankheit? Aufgelöst in seine Wortbestandteile bedeutet der Begriff “Volkskrankheit”: Die Krankheit des Volkes. Zurückübertragen auf die Aussage oben heißt das: Das ganze Volk ist “workoholic”, oder ist die Aussage, “workoholic ist zu einer neuen Volkskrankheit geworden”, einfach blanker Unsinn?

Diese Ansicht vertreten 13 Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Suchthelfer in einem 300-seitigen Sammelband “Massenphänomen Arbeitssucht”, der jetzt vom Bremer Atlantik-Verlag vorgestellt wurde.
Wenn 13 Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Suchthelfer in einem 300-seitigen (!) Sammelband lediglich die Ansicht vertreten, dass Workoholism, pardon: workoholic zur neuen “Volkskrankheit” geworden ist, dann ist dies ein sehr langweiliges Buch. Seltsamerweise entdecken immer diejenigen bei anderen “Süchte”, die mit der Entdeckung, deren Propagierung und Behandlung, Geld verdienen...

Die krankhafte Fixierung auf Arbeit sei “keineswegs mehr das zweifelhafte Privileg von Eliten”, meint der Buchherausgeber und Leiter des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung an der Universität Bremen, Professor Holger Heide.

Was ist eine “krankhafte Fixierung” auf Arbeit? Zunächst einmal bedeutet die Qualifikation einer “Fixierung auf Arbeit” als krankhaft, dass es auch eine nicht-krankhafte Fixierung auf Arbeit gibt. Was also macht die Fixierung zur krankhaften? Die Tatsache, dass Holger Heide sagt, sie sei das? Anscheinend ist es Heide nicht möglich, ein Kriterium für seine Qualifizierung anzugeben. Hätte er eines, er hätte es bestimmt genannt. Insofern bedeutet die Aussage also bestenfalls, dass es etwas gibt, das Heide krankhaft vorkommt. Zudem: Woran bemäße sich die “krankhafte Fixierung”, von der Holger Heide redet. Wahrscheinlich an der Menge der Zeit, die ein Mensch mit Arbeit verbringt. Das wiederum lässt weniger einen Schluss auf die “krankhafte Fixierung” anderer, als vielmehr einen Schluss auf das Arbeitspensum des Bremer Professors zu, oder ist Holger Heide etwa ein Forscher qua eigener Betroffenheit? Schließlich: Wenn die Fixierung auf Arbeit krankhaft ist, was ist dann z.B. mit der Fixierung auf Freizeit? Denn: Wir leben in einer Freizeitgesellschaft, wie der Soziologe Opaschewski meint.

Nach “aufstrebenden Jung-Karrieristen” seien inzwischen auch viele Angestellte und Arbeiter betroffen, vor allem wenn sie innerhalb von Zielvorgaben relativ frei ihre Arbeit einteilen dürften.

Was man “aufstrebenden Jung-Karrieristen” noch hätte durchgehen lassen, ist also nicht mehr tolerabel, wenn es Angestellte und Arbeiter betrifft. Erstere sind also nicht die Objekte, die sich des Schutzes wohlmeinender Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Suchthelfer erfreuen. Im Nebensatz steht Unsinn: Entweder man hat Zielvorgaben oder man kann sich seine Arbeit frei einteilen. Oder kann sich ein Zug seine Fahrtstrecke innerhalb der Vorgabe ”IC2719 von Dresden nach Leipzig” etwa frei einteilen? Von “vielen” (Angestellte und Arbeiter) ist häufig dann die Rede, wenn man nicht weiss, wie viele von dem, was man propagiert, betroffen sind, aber behaupten möchte, dass es welche gibt, die davon betroffen sind und dass es bestimmt viele sind.... Unter Wissenschaftlern gibt es einen Ethos: Man legt seine Zahlen offen! Wie viele Personen sind von dem Phänomen betroffen, dessen Existenz man behauptet? Man macht seine Ergebnisse anderen Wissenschaftlern zugänglich, damit sie sich damit auseinander setzen und die Ergebnisse überprüfen können. Das kann man allerdings nur dann, wenn man greifbare Ergebnisse hat, die man anderen Wissenschaftlern auch präsentieren kann.

Diese von den Gewerkschaften eigentlich begrüßte Eigenverantwortung hat den Buchautoren zufolge ihre Kehrseite: Unter dem Druck von Termin- und Kostenvorgaben missachteten viele Beschäftigte ihre eigenen Schutzrechte und arbeiteten “wie ein Hamster im Laufrad”, hieß es bei der Buchvorstellung.

Gewerkschaften, so erfährt man, sind die Beschützer von Angestellten und Arbeitern, nicht von “aufstrebenden Jung-Karrieristen”! Und wieder einmal zeigt sich, dass man Menschen nicht einfach machen lassen kann, was sie wollen (- besonders Arbeiter und Angestellte nicht), denn am Ende arbeiten sie, und am dicken Ende arbeiten sie auch noch zu viel. Ganz schlimm: Sie mißachten die Schutzrechte, die wohlmeinende Zeitgenossen, wahrscheinlich Gewerkschaftler, für sie eingeführt haben. Da will man den Menschen nur Gutes tun, und was machen die, sie arbeiten! Neu ist mir die Erkenntnis, dass ein Hamster sein Laufrad aufgrund von “Termin- und Kostenvorgaben” betritt. Von “vielen” (Beschäftigten) ist häufig dann die Rede, wenn man nicht weiss, wie viele von dem, was man propagiert, betroffen sind, aber behaupten möchte, dass es welche gibt, die davon betroffen sind und dass es bestimmt viele sind... (siehe oben)

Damit gefährdeten sie Gesundheit, seelisches Gleichgewicht und persönliche Beziehungen.

Was lernen wir: Ein Hamster ist nicht gesund, hat kein seelisches Gleichgewicht und schon gar keine persönlichen Beziehungen. Wo ist eigentlich der Tierschutzverein?

Letztlich schadeten sie damit auch den Unternehmen: Wer mehr Pausen mache, sei langfristig effektiver.

“Mehr” ist ein zweistelliger Funktor und erwartet als solcher von einem “als” gefolgt zu werden. Das gleiche gilt für effektiver. Wer also mehr Pausen macht, ist effektiver als wer? Der, der weniger Pausen macht, oder der, der noch mehr Pausen macht? Ist am Ende nicht derjenige der Effektivste - langfristig jedenfalls - der nur Pausen macht?
Arbeit macht krank, das weiss man bis hierhin schon, aber wie äußert sich die Krankheit? Roderich Wahsner weiss Näheres:


In Japan, so berichtet Juraprofessor Roderich Wahsner, fallen jährlich 20.000 bis 30.000 Menschen während oder kurz nach der Arbeit tot um.

Warum tun die Menschen in Japan das? Auf welche Quelle bezieht sich Herr Wahsner und ist die Angabe tatsächlich so vage, dass sie zwischen 20.000 und 30.000 variiert, also um rund 33 Prozent? Hat eigentlich schon einmal jemand untersucht, wie viele Menschen nach dem Frühstück tot umgefallen sind und wie viele von ihnen Haselnusscreme gegessen haben?

Wahsner führt diesen “Karoshi”-Tod auch darauf zurück, dass die japanischen Gewerkschaften “managementhörig” seien.

Wer während oder nach der Arbeit tot umfällt, ist also nicht nur tot, sondern “karoshi” tot. Das wiederum ist die Schuld der japanischen Gewerkschaften, die “managementhörig” sind. Wie kann man sich das vorstellen: Bei Anruf “Mord” oder Management an Gewerkschaft: “Lass Menschen tot umfallen!”? Aber: Wie viele der Toten, d.h. der “karoshi”-Toten sind Gerwerkschaftler oder Manager oder managementhörige Gewerkschaftler oder ...? Und überhaupt: Sitzen im Management nicht die aufstrebenden (arbeitssüchtigen) Jungkarrieristen, von denen weiter oben die Rede war?

An die deutschen Gewerkschaften appellierte er: “Lasst es nicht so weit kommen!”

Ob die “deutschen Gewerkschaften” den Appell vernommen haben? Können Institutionen eigentlich hören?

Weil das Bremer Autorenteam Arbeitssucht als gesellschaftlich bedingte Krankheit sieht, empfiehlt es Betroffenen nicht nur individuell dagegen vorzugehen. Sie müssten zwar zunächst einsehen, süchtig zu sein, sollten dann aber so mutig sein, den Kollegenkreis anzusprechen.


Wie spricht man einen Kollegenkreis an? Sehr geehrter Kollegenkreis? Werter Kollegenkreis? Hallo? Die Gesellschaft (Wer ist das eigentlich? Forscher in Bremen? Arbeitssüchtige in Firmen?) ist also wieder einmal schuld. Vielleicht stimmt das ja, schließlich finanziert “die Gesellschaft” das Bremer Autorenteam. Aber Ernst beiseite: Individuell müsse man gegen etwas vorgehen, das man erst einmal einsehen muss. “Glaube mir”, sprach der Psychotherapeut zum Patienten, “Du hast ein Problem. Du weißt es zwar nicht, aber Du bist arbeitssüchtig. Wie sich das äußert, wissen wir zwar beide nicht, aber dass es schlimm ist, das wissen wir.” Das also muss man einsehen, und wer einsieht, so ist zu lesen, ist feige, denn nach dem Einsehen braucht es Mut, Mut, andere anzusprechen, die auch feige sind:

Dabei zeige sich oft, dass es den anderen genauso gehe.

Oft heißt: nicht immer!

Gemeinsam und mit Hilfe des Betriebsrats könne man dem Druck von oben widerstehen, zum Beispiel indem wieder feste Arbeitspausen eingeführt würden, wie IG-Metall-Sekretär Peter Stutz aus der Praxis berichtete.

Gemeinsam (= mit dem “Kollegenkreis”) und mit Hilfe des Betriebsrats (nicht dem “Kollegenkreis” zuzurechnen, daher wohl “oben”), also: Tausche Druck von oben gegen Suchtberatung und feste Pause von oben! Lasst uns die Arbeitszeit reglementieren und die alte Büroordnung, die holen wir auch gleich wieder vom Speicher. Wie wäre es zudem mit Frühsport, das ist gesund und beugt der Arbeitssucht sicher vor. Also: Ab sofort tritt die gesamte Belegschaft morgens um fünf auf der Wiese hinter der Montagehalle drei zum Frühsport an.
Auch Hausfrauen oder Rentner können arbeitssüchtig sein - etwa, weil sie nichts mit sich selbst anzufangen wüssten oder den Druck der Arbeitswelt verinnerlicht hätten. Arbeiter und Angestellte sind also arbeitssüchtig, weil sie Arbeit haben, Hausfrauen, weil sie keine Arbeit haben und Rentner, weil sie einst Arbeit hatten. Alles ist eins - toll. Da Hausfrauen nichts mit sich anzufangen wissen, sollte man ihnen Arbeit geben. Dann wären sie gezwungen, etwas zu tun und könnten nicht darüber nachdenken, dass sie nichts mit sich anzufangen wissen. Dann würden sie zwar arbeitssüchtig, aber das wird man ohnehin, egal, was man tut. Also ist es doch besser, Hausfrauen Arbeit zu geben: Besser arbeitssüchtig und produktiv als arbeitssüchtig und unproduktiv, ja subventionsbedürftig, weil auszuhalten - oder?


Als Berufskrankheit wird der ständige Arbeitszwang nicht anerkannt.
Jurist Oliver Tieste verweist aber darauf, dass theoretisch die Unternehmen Entschädigung zahlen müssten, wenn sie bei ihren Beschäftigten “Stress-Schäden” auslösten und damit ihre Fürsorgepflichten verletzten.
Bisher gebe es dafür allerdings noch keine Urteile.


“Dafür” meint wohl: zu Entschädigungen bei “Stress-Schäden”, also nicht dafür, sondern DAZU gebe es noch keine Urteile! Dass es noch keine Urteile gibt, hat einen einfachen Grund: Niemand, nicht einmal das Bremer Autorenteam, weiss, woran man Arbeitssucht erkennt. Man könnte fasst mutmaßen, dass nicht einmal sicher ist, ob es Arbeitssucht überhaupt gibt. (Die 20.000 bis 30.000 karoshi Toten aus Japan vernachlässigen wir hier einfach, zumal nicht klar ist, ob die Toten nicht von einem Auto zum Tot-Umfallen gebracht wurden oder sich eventuell ein körperliches Leiden auf diese Weise bemerkbar gemacht hat oder ...) Theoretisch müsste Jurist Oliver Tieste, sofern er das, was er sagt, glaubt, also für die Schmerzen aufkommen, die mir das Lesen der letzten Zeilen körperlich zugefügt hat - das war Lesestress der besonderen Art, und schließlich hat auch ein Jurist und Mitglied des Bremer Autorenteams eine Fürsorgepflicht, zum Beispiel für die vielen Bäume, die noch stehen könnten, wären die 300 Seiten des Gemeinschaftswerkes nicht in einem Anfall von Arbeitssucht gefüllt worden oder für die Leser, die sich durch diesen Schinken quälen und hinterher Bayer reich machen, weil ihnen das Lesen Kopfschmerzen verursacht hat.

Diesen Beitrag habe ich kurz vor 24 Uhr beendet, also nachts, schlimmer noch: sonntagnachts. Am Ende bin ich auch “workoholic”, weil ich Dinge tue, die mir Spaß machen - auch in der Nacht von Sonntag auf Montag... Ja, genau: Arbeit macht mir Spaß... und uneinsichtig bin ich auch...

nach oben


Leipziger Volkszeitung vom 01.11.2002


Leipzig: Her mit Olympia!


Leipzig (Eig. Ber.) Die Zustimmung der Leipziger für die Bewerbung ihrer Stadt um die Olympischen Spiele 2012 nimmt weiter zu. 80 Prozent der Einwohner befürworten das Vorhaben. Dies ergab eine Umfrage des Leipziger Instituts für Marktforschung im Auftrag unserer Zeitung. Im Januar 2001 hatten 62 Prozent dafür gestimmt.


Wenn etwas weiter zunimmt, dann erwartet man, dass es früher schon einmal zugenommen hat und eigentlich kontinuierlich steigt. Berichtet wird jedoch nur von einem früheren Zeitpunkt, und deshalb kann die Zustimmung nicht “weiter” zugenommen haben, sondern bestenfalls größer geworden sein. 80 Prozent der Einwohner befürworten das “Vorhaben”, heißt es. Hat sich “die Stadt”, also im Wesentlichen der Oberbürgermeister und Gleichgesinnte in der Verwaltung, nun um die Olympiade 2012 beworben oder hat/haben er/sie vor, sich zu bewerben? Überhaupt: Wurde die Umfrage “im Auftrag" der Leipziger Volkszeitung (LVZ) durchgeführt? Wenn ja, dann wäre ein Relativsatz korrekt gewesen: “..., die im Auftrag unserer Zeitung durchgeführt wurde”, oder ist das Ergebnis der Umfrage das, was “im Auftrag unserer Zeitung” herauskommen sollte? Und wofür um aller Götter Willen haben die 62 Prozent gestimmt? “Dafür”! Na prima.
Ganz nebenbei, es heißt “Zustimmung zu” und nicht “Zustimmung für” ..., ich mein’ ja nur.


Vorteile ihrer Stadt sehen die Leipziger, von denen 510 per telefonischer Zufallsauswahl befragt wurden, gegenüber den nationalen Konkurrenten Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt/M. und Stuttgart in der sächsischen Gastlichkeit (90 Prozent) und Sportbegeisterung (89). Bei der Bewerbung sollte vor allem auf die sportliche (95) und kulturelle Tradition (89) Wert gelegt werden.

Wie können 80 Prozent der “Einwohner” Leipzigs etwas befürworten, zu dem lediglich 510 “per telefonischer Zufallsauswahl befragt wurden”? In der Logik nennt man so etwas eine unzulässige Generalisierung, aber weniger wissenschaftlich formuliert, kann man es auch einfach als unlauter bezeichnen. Von 510 Befragten auf alle Einwohner Leipzigs zu schließen, das ist nicht einmal dem Institut für Marktforschung und auch nicht im Auftrag der Leipziger Volkszeitung möglich. Generationen von empirisch arbeitenden Sozialwissenschaftlern haben sich mit der Frage der Repräsentativität befasst: Wann kann man von wenigen Befragten (zum Beispiel 510 Leipzigern) auf alle in einer Grundgesamtheit (zum Beispiel alle Einwohner Leipzigs) schließen? Das Ergebnis der entsprechenden Forschung ist eindeutig: Selten bis nie und schon gar nicht auf der Grundlage von 510 Befragten. Wer schon einmal mit Datensätzen gearbeitet hat, weiß, dass ungeachtet ausgeklügelter Methoden der Gewichtung bestimmter Merkmale der Befragten am Ende doch kein für alle repräsentatives Ergebnis herauskommt. Und wer es nicht glaubt, der kann es nachlesen, z.B. bei: Schnell, R., Hill, P., Esser, E., 1992: Methoden der empirischen Sozialforschung. München u.a.: R. Oldenbourg. Für die Umfrage der LVZ bedeutet dies, nicht 80 Prozent der Leipziger, sondern 80 Prozent der Befragten (80% von 510), also: 408 Leipziger haben ihre Zustimmung zur Olympia-Bewerbung bekundet.
Wetten, dass die Frankfurter auch von ihrer Gastlichkeit, wahrscheinlich ihrer “hessischen Gastlichkeit”, überzeugt sind! Und dass bei “der Bewerbung” vor allem auf die "sportliche (95) und kulturelle (89) Tradition" Wert gelegt werden soll, ist ein wertvoller Hinweis. Vielleicht findet sich auch noch jemand, der weiss, worin die “sportliche” und worin die “kulturelle Tradition” bestehen.


“Die Vision wird für immer mehr Leipziger realistisch”, kommentierte Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) das Ergebnis.

Das ist aber schlecht für die Vision: Ist sie realistisch, ist sie weg. Kurz: Immer mehr Leipziger sehen die Welt realistisch und halten daher nichts mehr von der Vision. Und wenn man nun wüsste, um welche Vision es sich da handelt, dann wüsste man auch, wovon die Leipziger, pardon: wovon immer mehr Leipziger nichts halten.

“Die Menschen hier erkennen, dass es eine Chance für eine ganze Region, für ganz Deutschland ist, wenn die Spiele in Leipzig stattfinden.”

Zu unserem Glück haben wir Politiker, sonst würden wir, dumme Menschen, die wir sind, gar nicht erkennen, was gut für uns ist und damit eine Chance für eine ganze Region, ja für ganz Deutschland vertun. Allerdings, nach meiner Kenntnis liegen auch Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt/M. und Stuttgart in Deutschland, und alle sind von ihrer Region umgeben, d.h. auch dort sind “die Spiele” eine Chance, wohl auch für ganz Deutschland, hm.... Aber letztlich geht es nicht um Sinn, sondern um das “Erkennen”, denn wahrlich ich sage euch: Ihr werdet schon sehen....

Am Mittwoch hatten etwa 3000 Leipziger Schulkinder auf der Festwiese des Sportforums die fünf olympischen Ringe symbolisiert. Auch die Arbeit des Leipziger Bürgervereins für Olympia stößt auf immer breitere Unterstützung.

Hat man die 3000 Schulkinder eigentlich gefragt, ob sie die olympischen Ringe zur Gaudi irgendwelcher anderer symbolisieren wollen oder nicht? Ich vermute, man hat das Einverständnis der Schulkinder einfach vorausgesetzt. Aber das macht nichts, denn AUCH die Arbeit des Leipziger Bürgervereins für Olympia stößt auf immer breitere Unterstützung. Da bleibt mir nur zu fragen: Wessen Arbeit wird denn sonst noch immer breiter unterstützt und vor allem: von wem? Ganz nebenbei: Ist breiter nicht ein zweistelliger Funktor, der nur in Verbindung mit dem Wörtchen “als” Sinn macht?

Unterdessen traf gestern abend die elfköpfige Evaluierungskommission des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) an der Pleiße ein, die heute und morgen die Bewerbung überprüft.

Oh Schreck! Ist schon Katastrophenalarm gegeben worden? Wie wehrt man sich gegen eine elfköpfige Evaluierungskommission. Das ist ja furchtbar. Bei einer dreiköpfigen Hydra, da hätte es vielleicht noch ein Entkommen gegeben, aber eine elfköpfige Evaluierungskommission, das schafft kein Drachentöter. Allein die Vorstellung treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn: An der Stelle jedes abgeschlagenen Kopfes wachsen elf (!) neue nach.
Aber: Der zitierte Satz ist ein Meisterwerk der Chronologie: von heute aus gesehen gestern abend traf die elfköpfige Kommission ein, die heute und morgen prüft. Grandios. Nur, wie passt das “unterdessen” in die zeitliche Reihenfolge? Ist “unterdessen” von heute aus gesehen vor gestern gewesen oder gestern oder nachdem die Schulkinder zum Ringe-Symbolisieren kommandiert wurden oder irgendwann?


In einer Umfrage unserer Zeitung unterstützen viele Politiker die Leipziger Bewerbung, über die das NOK am 12. April in München entscheidet. “Sachsen mit Leipzig und seinen Partnerstädten Dresden, Chemnitz und Riesa bietet für die Durchführung der Sommerspiele 2012 beste Voraussetzungen”, bekräftigte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Im Falle der Vergabe nach Leipzig werde der Freistaat für die nötige finanzielle Absicherung sorgen, kündigte Milbradt an. Es wird von einem Gesamtvolumen von rund 2,5 Milliarden Euro ausgegangen.

Eingangs standen 510 Leipziger für alle Einwohner, nun ist von vielen Politiker die Rede, die an der “Umfrage unserer Zeitung” teilgenommen haben, aber scheinbar nicht namentlich erwähnt werden wollen (- ein ganz ungewöhnliches Verhalten für “viele Politiker”). Aber begnügen wir uns als Leser mit der Feststellung, dass es eben viele Namenlose sind, damit, dass Leipzig und seine Partnerstädte “beste Voraussetzungen” bieten und dass der ganze Spaß rund 2,5 Milliarden Euro kosten wird. Aber keine Angst: Die Menschen hier werden erkennen, dass die Spiele eine Chance für eine ganze Region, für ganz Deutschland sind. Allerdings: Welche Chance es für die Region bedeuten würde, wenn 2,5 Milliarden einfach so in die Bildung gesteckt würden, das kann sich auch keiner ausmalen - muss auch keiner, denn soweit wird es mit Sicherheit nicht kommen.

nach oben


Bundesministerium für Finanzen: 5. Januar 2004


Das Bundesministerium der Finanzen intensiviert die Bekämpfung der Schwarzarbeit

Vier Artikel, vier Nomen, ein Verb, eine Meisterleistung deutscher Sprachkunst.

Deutschland braucht mehr Beschäftigung.

Dieser Satz zeigt: Beim Bundesministerium für Finanzen arbeitet einer, der denkt, er sei Journalist, Marke: Berlin - Parlamentarier erhöhen sich die Diäten. Ein knackiger kurzer Satz: Subjekt, Prädikat und Objekt und sonst (fast) nichts. “Deutschland braucht mehr Beschäftigung.” Ein hingeworfener Satz, ohne Ergänzung, ohne nähere Erläuterung, ein Ausruf gleichsam, einer, auf den man nur erwidern kann, na dann gib Deutschland doch Beschäftigung! Lass Deutschland arbeiten, Fern sehen, Fußball spielen, der Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt, dass sich Deutschland nicht langweilt.

Denn Arbeitslosigkeit schließt heute viel zu viele Menschen von einer gleichwertigen Teilhabe aus unserer Gesellschaft aus.

Ach so: Deshalb braucht Deutschland mehr Beschäftigung. Deutschland braucht mehr Beschäftigung, weil viel zu viele Menschen von einer gleichwertigen Teilhabe aus “unserer Gesellschaft” ausgeschlossen sind. Was es allerdings den viel zu vielen Menschen (weniger wären also in Ordnung) bringt, wenn Deutschland zum Beispiel Federball spielt, bleibt im Dunkeln. Es sei denn, der Schreiber meint, in Deutschland müssten mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Das wäre dann allerdings ein erschreckend konkreter Satz, der nahelegen würde, derzeit gäbe es gar nicht genug Arbeitsplätze, und das sei der Grund für die viel zu vielen Menschen, die von einer gleichwertigen Teilhabe aus “unserer Gesellschaft” ausgeschlossen sind. Nein, das ist zu konkret, suchen wir lieber nach einer - wie auch immer gearteten - Beschäftigung für Deutschland und beklagen die viel zu vielen Menschen, die von einer gleichwertigen Teilhabe ausgeschlossen sind. Das ist nebulös, völlig unkonkret und zeigt, man macht sich Sorgen um die viel zu vielen Menschen.
Wo es gerade um “viel zu viele Menschen” geht: Wenn Arbeit zur Teilhabe an “unserer Gesellschaft” führt, dann erkläre mir jemand, warum dieselbe Bundesregierung, in der man dieser Meinung ist, Kindergeld, Erziehungsgeld, und diverse andere Formen der Alimentierung verteilt, um Mamas ihre nicht-Arbeit zu vergüten? Offensichtlich gibt es unterschiedliche Formen der Teilhabe, eine Teilhabe, bei der man gibt oder zahlt, und eine, bei der man sich bedient bzw. bedient wird.


Die Bundesregierung setzt deshalb Schritt für Schritt eine Modernisierungsstrategie um, die die sozialen Sicherungssysteme, die Besteuerung und wesentliche Regelungen auf den Arbeitsmärkten beschäftigungsfreundlicher macht.

Entweder etwas ist beschäftigungsfreundlich oder es ist nicht beschäftigungsfreundlich. Ebenso wenig wie man ein grünes Haus grüner machen kann, kann man etwas, das beschäftigungsfreundlich ist, beschäftigungsfreundlicher machen. Das ist Unfug. Es bleibt daher festzuhalten: Die sozialen Sicherungssysteme, die Besteuerung und wesentliche Regelungen auf den Arbeitsmärkten sind nicht beschäftigungsfreundlich!

Durch die Reformen in der sozialen Absicherung werden die Sozialabgaben begrenzt.

Wer sind die Kühe, die da gemolken werden, derzeit unbegrenzt Sozialabgaben zahlen?

Die Steuerreform führt zu historisch niedrigen Steuersätzen.

Was sind “historisch niedrige Steuersätze”? Historisch meint vergangen, in der Geschichte liegend oder wie es im Duden heißt:”geschichtlich, der Geschichte gemäß, überliefert, 2. der Vergangenheit angehörend”. Die Steuerreform führt also zu etwas, was der Vergangenheit angehört, überliefert ist. Das ist Unsinn, aber vielleicht ist es ja im übertragenen Sinne gemeint: Und in der Tat, niedrige Steuersätze sind uns von unseren Großvätern berichtet worden. Uns selbst sind und werden sie nie bekannt sein.

(...) Die Brücke in den ersten Arbeitsmarkt ist deutlich verbreitert worden.

Das ist metaphorischer Unsinn: Wie schön, es gibt eine Brücke zwischen dem ersten Arbeitsmarkt und - tja, was eigentlich? Egal, es gibt eine Brücke, eine Holz-, eine Hänge-, eine Stahlbrücke, irgendeine Brücke halt, und sie ist breiter als sie einmal war, warum und wodurch sie breiter geworden ist, niemand weiss es, aber sie ist breiter geworden, die Brücke, jetzt vielleicht zwei statt bisher einem Zentimeter breit. Und jetzt muss sie nur noch begangen werden, die Brücke, so sie breit genug ist, und hoffentlich ist sie tragfähig. Übrigens: Brücken kann man in zwei Richtungen begehen: in Richtung auf den ersten Arbeitsmarkt - von wo auch immer - und vom ersten Arbeitsmarkt weg, wohin auch immer ....

Diese Strukturreformen werden wir konsequent fortsetzen. In diesem Rahmen müssen wir die Schwarzarbeit und die Steuerhinterziehung bekämpfen. Denn Schwarzarbeit hat in Deutschland ein alarmierendes Niveau erreicht.

Welche Strukturreformen? Egal. Strukturreformen erfordern eine Bekämpfung von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung, aber nur Schwarzarbeit hat “in Deutschland ein alarmierendes Niveau erreicht”. Aber: Wer ist “wir”, wir alle, also auch die Schwarzarbeiter unter uns oder “wir”, die nicht schwarzarbeitenden Bürger, oder wir aus dem Bundesfinanzministerium? Wir halt! Ich und vielleicht noch der ein oder andere, also wir, hätten dann gerne noch gewusst, ab wann ein Niveau ein “alarmierendes” ist. Ein Niveau ist doch eigentlich eine waagerechte Fläche auf einer bestimmten Höhenlage (Duden!). Also: Ab wann ist eine “waagerechte Fläche auf einer bestimmten Höhenlage” alarmierend? Vielleicht meint der Schreiber ja nicht Niveau, sondern Ausmaß - aber warum schreibt er das nicht, hat er vielleicht kein sprachliches Niveau? Das wäre alarmierend! Oder habe ich das alles nur falsch verstanden, und beim Bundesfinanzministerium sorgt man sich tatsächlich um das Niveau der Schwarzarbeit, die Qualität dessen, was Schwarzarbeiter abliefern.

Sie schädigt gesetzestreue Unternehmer und Arbeitnehmer. Sie verursacht Einnahmeausfälle in Milliardenhöhe bei den Sozialversicherungen und dem Staat. Sie schwächt die Chancen gerade für gering qualifizierte Arbeitskräfte, einen neuen legalen Arbeitsplatz zu finden.

“Sie”, das ist die Schwarzarbeit, und die Schwarzarbeit schwächt die Chancen gerade (!), ja gerade für gering qualifizierte Arbeitskräfte (Also doch: Schwarzarbeiter sind gering qualifiziert, deshalb die Sorge um das “alarmierende Niveau” der Schwarzarbeit!), einen neuen legalen Arbeitsplatz zu finden. Ja ..., aber ..., dann war der alte Arbeitsplatz doch auch legal und keine Schwarzarbeit. Oder meint der Schreiber einen neuen, legalen Arbeitsplatz, also einen neuen, der im Gegensazu zum alten, illegalen “legal” ist? Na egal!
“Sie schwächt die Chancen ...” Darüber muss man etwas länger nachdenken. Chancen sind fremdländische Leihgaben für die deutschen “(günstigen) Gelegenheiten”. Und wie schwächt man Gelegenheiten? Gelegenheiten kann man zunichte machen. Gelegenheiten können sich einfach nicht ergeben. Gelegenheiten können ungenutzt bleiben. Aber schwächen?, nein, schwächen kann man Gelegenheiten nicht. Kurz: Der dritte Satz ist kompletter Unsinn. Schwarzarbeit, so steht im ersten Satz, schädigt gesetzestreue Unternehmer und Arbeitnehmer, und zwar, so kann man an dieser Stelle nur vermuten, wegen des “alarmierenden Niveaus”. Wenn also ein gesetzestreuer Unternehmer oder ein ebensolcher Arbeitnehmer einen Schwarzarbeiter sein Wohnzimmer streichen lässt, und der streicht Nasen und nicht glatt, dann ist das schon alarmierend, entspricht nicht den Regeln der Technik und des glatten Streichens und muss bekämpft werden, da hat “das Bundesministerium DER Finanzen” schon recht. Und weil der Text, den ich hier bespreche, mit “Bundesministerium DER Finanzen” überschrieben ist, erklärt sich auch Satz zwei: “Sie verursacht Einnahmeausfälle in Milliardenhöhe bei den Sozialversicherungen und dem Staat.” Kein Cent geht am “Bundesministerium DER Finanzen” vorbei, sonst wäre es ja nur ein Bundesministerium für Finanzen, z.B. die des Staates, aber es ist ein Bundesministerium DER, also aller Finanzen.


Schwarzarbeit ist deshalb kein Kavaliersdelikt, sondern schädigt unsere Gemeinschaft schwer.

Wer ist nun wieder “unsere Gemeinschaft”. Wir alle minus die Schwarzarbeiter? Das geht nicht. Wären Schwarzarbeiter nicht Teil “unserer Gemeinschaft”, dann könnten sie “unsere Gemeinschaft” auch nicht schädigen, jedenfalls nicht durch Schwarzarbeit. Also sind wir und Schwarzarbeiter “unsere Gemeinschaft”, und das Problem ist, dass es so viele Schwarzarbeiter gibt, quasi eine Gemeinschaft der Schwarzarbeiter.... Ach was ist schon eine Gemeinschaft ohne Kavaliere wert, ohne Kavaliere und die, die sie beauftragen!

Wenn wir sie intensiver bekämpfen, können alle gewinnen. Denn weniger Schwarzarbeit ermöglicht auch niedrigere Steuersätze und Beiträge für alle Bürger und Unternehmen und damit mehr legale Beschäftigung.

Bislang war sich der Schreiber seiner Sache ganz sicher (Indikativ-Präsens sicher, wenn man so will). Jetzt entdeckt er die Möglichkeitsform. Und was alles möglich ist: Es “können alle gewinnen”. Es müssen demnach nicht alle gewinnen - geht auch nicht, denn die Schwarzarbeiter verlieren. Es wäre auch möglich, dass manche mehr gewinnen als andere, z.B. Politiker ihre Diäten erhöhen. Und weniger Schwarzarbeit ermöglicht auch niedrigere Steuersätze. Nur: was ermöglicht wird, muss deshalb lange noch nicht eintreffen. Interessant ist das “auch”. Außer weniger Schwarzarbeit gibt es demnach noch etwas, das niedrigere Steuersätze ermöglicht. Was mag das nur sein?

Hauptadressat wird dabei die organisierte Wirtschaftskriminalität sein, die in ein(i)gen Branchen ein gravierendes Ausmaß angenommen hat.

Dies ist ein Satz, der viele Fragen aufwirft. Wofür ist die “organisierte Wirtschaftskriminalität” Hauptadressat? Kennt man die Adresse, den Wohnort der “organisierten Wirtschaftskriminalität”? Wenn ja, warum hat man noch keine Hausdurchsuchung vorgenommen? Weil die “organisierte Wirtschaftkriminalität” mehrere Wohnsitze hat, am Ende noch in den besten Wohngebieten Bonns und Berlins? Und was hat es mit dem “gravierenden Ausmaß” auf sich? Ist das gravierende Ausmaß ein alarmierendes Niveau oder fällt es einfach nur ins Gewicht?

Dort werden gesetzestreue Unternehmen bereits heute zum Teil in ihrer Existenz bedroht.

Wo? In “einigen Branchen” mit gravierendem Ausmaß? Aha, es gibt gesetzestreue Unternehmen und “organisierte Wirtschaftskriminalität”. Das ist eine erstaunliche Dichotomie. Und der Satz, der bereits unverständlich beginnt, endet mystisch, denn “bereits heute”, also jetzt, werden die gesetzestreuen Unternehmen “zum Teil”, also nicht alle, wie viele weiß man nicht, in ihrer Existenz bedroht. Gestern wurden sie entweder alle vollständig oder zum Teil oder gar nicht oder nicht alle nicht vollständig oder nicht alle, aber vollständig bedroht. Wobei bedroht wieder ein erstaunlicher Rückfall in das Beschwören von Möglichkeiten ist. Scheinbar ist es mit den realen Gefahren nicht so weit her. Und was gesetzestreue Unternehmen mehr Geld kostet, Schwarzarbeit oder die vielen Aufwendungen, die sie zahlen müssen, um das Steuerbedürfnis und die Neugier “des Staates” zu befriedigen, das wäre auch noch zu klären.

Für andere Bereiche, insbesondere die haushaltsnahen Dienstleistungen müssen die Brücken in die Legalität - ... - verstärkt dargestellt werden.

Da sind sie wieder, die Brücken. Also, es gibt eine Brücke von irgendwoher auf den ersten Arbeitsmarkt, und es gibt Brücken in die Legalität. Was ist eigentlich unter den Brücken? Ein Fluss, ein Tal, die Eisenbahn? Was auch immer darunter ist, die Brücken an sich sind nicht so bekannt, werden wohl nicht so gerne oder häufig überquert. Insbesondere die haushaltsnahen Dienstleistungen, andere Bereiche, wie man lernt, ohne zu erfahren wovon, Bereiche eben, müssen die Brücken in die Legalität sehen. Deshalb müssen sie verstärkt dargestellt werden. Wie um aller Götter Willen stellt man Brücken dar und das auch noch verstärkt? Das sollen sich jetzt aber wirklich die beim Bundesfinanzministerium überlegen - schließlich sind sie findig, finden ständig neue Möglichkeiten, das Alltägliche und Banale zu kriminalisieren, das Verhalten ihrer “Bürger”, an dem sie gerne verdienen möchten, zu besteuern, dann das Vorenthalten der Steuer zu kriminalisieren, schließlich daher zu kommen, wie der nette Mann von der Hamburg-Mannheimer und den Weg über die Brücke zu weisen, den Weg aus der Legalität, an der “der Staat” nichts verdient hat, in die Legalität, an der “der Staat” verdient. Fragt sich nur, wer in Zukunft das Wohnzimmer der Oma streicht, die sich - weil ihr die Rente gekürzt wurde -, keinen Maler leisten kann, deshalb bislang auf “Schwarzarbeit” zurückgegriffen hat, den Sohn ihres Nachbarn streichen ließ und dies keinem Finanzbeamten gesagt hat? Niemand. Die Bundesregierung hat endlich ein wirksames Mittel gefunden, um die Nachbarschafthilfe und soziale Kontakte aller Art zu unterdrücken und zu verunmöglichen. Ohne staatliche Beteiligung läuft nichts, und man muss froh sein, dass man (noch) ohne staatliche Beteiligung die Toilette aufsuchen darf. Aber bestimmt wird schon an irgend einem stillen Örtchen über eine entsprechende Abgabe nachgedacht. Wundert es eigentlich noch jemanden, dass immer weniger “Bürger” an dieser Form von “Gemeinschaft” teilhaben wollen - obwohl sie nicht arbeitslos sind?

nach oben



Erster Senat beim Bundesverfassungsgericht


Urteil zum Ladenschlussgesetz vom 9. Juni 2004


Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren
Michael Klein bespricht Auszüge des Urteils zum Ladenschlussgesetz

Die Auszüge aus dem Urteil des Ersten Senats sind in schwarzer, meine Kommentare dazu in blauer Farbe dargestellt. Der vollständige Text des Urteils findet sich hier

Und los geht 's:

Zu der Verfassungsbeschwerde haben das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit namens der Bundesregierung, das Bundesverwaltungsgericht und das Bundesarbeitsgericht, die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels e.V. (BAG) und die Klägerin des Ausgangsverfahrens Stellung genommen. 73


Entschieden haben die Verfassungsrichter über das Ladenschlussgesetz. Im Ladenschlussgesetz sind die Zeiten geregelt, zu denen wir - sie und ich - also wir alle einkaufen dürfen. Und wer wurde nicht befragt? Wir. Verbände, Institutionen wurden gefragt, nur keine Individuen oder Bürger (Ich glaube so nennen uns die staatlichen Würdenträger - oder?). Individuen kommen in den Köpfen der Verfassungsrichter als Handelnde nicht vor, lediglich als solche, für deren Leben ein amtlicher Regelungsbedarf besteht - oder wie sonst ist das Fehlen einer Stellungnahme von Bürgern zu erklären? Allein die Vorgehensweise offenbart einen Paternalismus, der seinesgleichen sucht: Alle werden gefragt, nur diejenigen nicht, die es betrifft.

Die Berufsausübung einschränkende Regelungen sind verfassungsgemäß, wenn sie durch vernünftige Gründe des Gemeinwohls gerechtfertigt und verhältnismäßig sind (vgl. BVerfGE 70, 1 <28>; stRspr). Eingriffe in die Berufsfreiheit dürfen deshalb nicht weiter gehen, als es die sie rechtfertigenden Gemeinwohlbelange erfordern (vgl. BVerfGE 101, 331 <347>; 104, 357 <364>). 116
Die Regelung des §§ 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 LadSchlG über den Ladenschluss am Samstag ab 16.00 Uhr dient Gemeinwohlbelangen. 117
Die Regelung des Ladenschlussgesetzes über die werktägliche Öffnungszeit unter Einschluss des Samstags umfasst den Schutz vor Nachtarbeit. Nachtarbeit ist unter Schutzaspekten besonders bedeutsam, weil sie dem menschlichen Biorhythmus zuwiderläuft und deshalb zu Schlaflosigkeit, Appetitstörungen, Störungen des Magen-Darm-Traktes, erhöhter Nervosität und Reizbarkeit sowie zu einer Herabsetzung der Leistungsfähigkeit führen kann (vgl. BVerfGE 85, 191 <208>) 119


Wahnsinn - haben Sie das gelesen: Beim Bundesverfassungsgericht gibt es Testreihen über die Folgen von Nachtarbeit - etwa ein Selbstversuch? Wie auch immer, die entsprechenden Testergebnisse haben die Richter auch noch im Eigenverlag veröffentlicht: (BverfGE 85, 191). Tja, das haben wir alle nicht gewusst: In jedem Verfassungsrichter steckt ein kleiner Forscher, und ein kleiner Biologe, und ein kleiner Mediziner, und ein kleiner Psychologe, und ein kleiner Neurologe und ... halt: Biorhythmus ... da hat sich die Pseudowissenschaft eingeschlichen. Scheint doch nicht so weit her zu sein, mit der verfassungsrichterlichen Wissenschaft. Dabei handelt es sich wohl eher um Studien zu Feng shui, heilenden Steinen und Astrologie: "Sag mir welches Sternzeichen Du hast, und ich spreche Dein Urteil", oder: Achate auf dem Urteil fördern die Erfolgsaussichten ... Zurück zum Biorhythmus. Nachtarbeit stört den Biorhythmus und den Magen-Darm-Trakt, führt zu Nervosität und Reizbarkeit ... Hoffentlich liest das jetzt kein Notarzt, keiner, der Nachts ein Unfallopfer operieren muss, am Ende muss der noch, wo er gerade die Arterie vernähen will (der gestörte Magen-Darm-Trakt) oder bekommt das große Zittern (wegen der Nervosität) und wird reizbar: “Wenn der Sch...faden nicht hält, dann nähe ich die Wunde halt nicht zu ...”. Tja, all das sind die Folgen von Nachtarbeit oder sind es nur die Phantasien von Verfassungsrichtern?

(4) Eine gesetzliche Regelung der Ladenschlusszeiten wäre nicht erforderlich, wenn das Anliegen auch ohne gesetzgeberische Intervention durch marktorientiertes Verhalten der beteiligten Wirtschaftskreise erreichbar wäre. Das aber ist nicht zu erwarten. 129

Dieser Satz hat zwar - wenn man ihn umstellt - die Form eines wenn, dann-Satzes, vorne das Antecedens hinten das Konsequens, aber: Er ist leer, bar jeder Aussage. Ein Anliegen soll erreicht werden. Um was für ein Anliegen handelt es sich? Wer hat dieses Anliegen? Wem nutzt dieses Anliegen? Wo kommt die gesetzgeberische Intervention her? Wer interveniert mit welchem Ziel? Was - um aller Götter Willen - bedeutet marktorientiertes Verhalten in diesem Zusammenhang? Und wer sind die beteiligten Wirtschaftskreise? Vielleicht wäre es besser gewesen, die Richter hätten geschrieben, was sie eigentlich meinen. Ich werde den Satz einmal mit Sinn füllen: Wenn einer nicht freiwillig macht, was ich von ihm will, dann muss ich ihn halt dazu zwingen.

Die Interessen der Verkaufsstelleninhaber, insbesondere ihre ökonomischen Interessen, würden zwar dazu führen, dass keineswegs alle zur Öffnung freigegebenen Zeiten von allen Einzelhandelsgeschäften genutzt werden. Dennoch würde es zu weiteren Ladenöffnungen kommen. Die Erfahrungen mit der bisher erfolgten Ausweitung der Ladenöffnungszeiten verweisen auf eine solche differenzierende Reaktion. Speziell für die Abendöffnung gibt es ergänzende Hinweise aus entsprechenden Erfahrungen im Ausland.130

Die ersten beiden Sätze beschreiben ein Problem: Gibt man Menschen Freiheit, dann nutzen sie dieses Freiheit. Das ist ärgerlich. Wenn man erlaubt, dass Läden geöffnet werden können, wann immer der Inhaber dies will, dann öffnet der Inhaber seinen Laden einfach immer, wenn er dazu Lust hat - unglaublich und nicht vereinbar mit der Gesellschaft, die man sich in Karlsruhe vorstellt und die keine offene, sondern eine hierarchische Gesellschaft ist. “Die Erfahrungen mit der bisher erfolgten Ausweitung der Ladenöffnungszeiten verweisen auf eine solche differenzierende Reaktion.”, schreiben unsere Richter. Diesen Satz ins Deutsche zu übertragen ist schwierig, denn es bleibt offen, worauf sich “eine solche differenzierende Reaktion” bezieht. Wahrscheinlich muss man sich den Satz vor dem “differenzierenden” Satz wegdenken. Dann wäre die differenzierende Reaktion: Nicht alle zur Öffnung freigegebenen Zeiten würden von allen Einzelhändlern genutzt. Tja, so ist das, und Erfahrungen aus dem Ausland bestätigen das.

Diese Beobachtungen erlauben den Schluss, dass es auch in Deutschland nicht zur Öffnung sämtlicher oder auch nur einer überwiegenden Zahl von Verkaufsstellen abends und in der Nacht kommen würde. Da eine Freigabe der Öffnungszeiten aber bei einer nicht völlig unbedeutenden Zahl von Einzelhandelsgeschäften zu einer weiteren Ausdehnung der Ladenöffnung in Verbindung mit einer Mehrbelastung der Beschäftigten führen würde, war es dem Gesetzgeber nicht verwehrt, die Selbstregulierung durch Marktkräfte nicht als gleich geeignet einzuschätzen wie eine strikte normative Grenze. 132

Wenn man etwas freizügiger macht, dann nutzen Menschen die neue Freiheit. Das hatten wir schon einmal, und dass sich die Verfassungsrichter mit Freizügigkeit schwer tun, das haben wir mittlerweile begriffen, nur: was eine “nicht völlig unbedeutende Zahl” ist, das weiss ich nicht. Ein Vorschlag: 6 ist, glaube ich, eine nicht völlig unbedeutende Zahl (Man denke nur an den Sechser im Lotto!). Aber was zeichnet eine “nicht völlig unbedeutende Zahl” wirklich aus? Dass sie eigentlich unbedeutend ist, aber nicht völlig? Oder ist das einfach nur schriftlicher Unsinn? Und überhaupt, was wissen Verfassungsrichter von der Selbstregulierung des Marktes? Nichts, so behaupte ich, oder befinden sich Verfassungsrichter mit ihren Urteilen in Konkurrenz zu anderen Richtern? Setzt sich etwa im Wettbewerb das bessere Urteil durch? Gut, beim Bundesgerichtshof ist man der Meinung, die juristische Laienschar der Verfassungsrichter ein paar Häuser weiter, mache das deutsche Recht kaputt, aber ist das Konkurrenz? Gibt es so etwas wie eine unabhängige Kontrolle der Güte dessen, was unsere Verfassungsrichter da von sich geben?
Zum Schluss der ganze Absatz in kurz, zum Genießen: Weil zu erwarten ist, dass Menschen die Freiheit, die ihnen eingeräumt wird, nutzen, war es dem Gesetzgeber nicht verwehrt, die Freiheit der Menschen einzuschränken. Ich will den Verfassungsrichtern einmal zu gute halten, dass sie sich im Gestrüpp ihrer Satzungetüme verirrt haben - ansonsten müsste ich jetzt feststellen, dass der analysierte Satz ein Satz ist, der ein totalitäres System beschreibt.


Die Ladenschlussregelung für den Samstag ist eine angemessene Beschränkung der Berufsausübungsfreiheit der Ladeninhaber. 133

So Ladeninhaber, jetzt wisst Ihr es: Ob Ihr nun Angestellte habt oder nicht, Ihr habt dann zu öffnen, wenn es Euch erlaubt ist.

Der Gesetzgeber durfte ebenfalls berücksichtigen, dass die unbeschränkte Möglichkeit der Ladenöffnung zu einer besonderen Belastung der im Handel tätigen Frauen führt und diese benachteiligt. Deren Anteil an der Mitarbeiterschaft beträgt in Verkaufsstellen ungefähr 72 Prozent. Da Frauen nach wie vor die Hauptlast bei der Abstimmung von Familien- und Erwerbsarbeit tragen, sind sozialverträgliche Arbeitszeiten für sie von hervorragender Bedeutung. Die im Handel tätigen Frauen könnten bei Ausweitung der Ladenöffnungszeiten insbesondere abends zumindest nicht mehr regelmäßig am Familienleben teilnehmen und bekämen noch größere Schwierigkeiten, die zumeist ihnen obliegende Hausarbeit und Kinderbetreuung mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Einklang zu bringen. Die Gewährleistung eines weitgehend mit beruflicher Arbeitszeit nicht belegten Abends und von Freizeit am Wochenende (vgl. auch B II) dient demnach dem Schutz der weit überwiegenden Zahl der weiblichen Beschäftigten im Handel vor unzumutbarer Belastung durch Arbeitszeitlagen, die einem geregelten Familienleben zuwiderlaufen. 149

Wir reden hier von 5 Prozent der Beschäftigten, das vorweg. Und nun zum Bild der Gesellschaft, das unsere Verfassungsrichter haben. Wo leben wir? Im 21. Jahrhundert oder in den 1950er Jahren? Wie gut, dass unsere Verfassungsrichter sich aufgemacht haben, Frauen, vor allem solche, die im Einzelhandel tätig sind, vor Benachteiligung zu schützen. Und worin besteht diese Benachteiligung? In vorgestelltem Unsinn. Frauen tragen nach wie vor die Hauptlast bei der Abstimmung von Familien- und Erwerbsarbeit, behaupten unsere acht Weisen. Aha, alle im Handel beschäftigten Frauen sind verheiratet und haben Kinder. So ist die Welt unserer Richter. Und müssen sie unbedingt jedem aufs Brot schmieren, wie ungern sie ihre Arbeit machen, unsere Richter. Wäre dem nicht so, dann würden sie ja keinen Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit sehen, wüssten gar nicht so recht, worin sich beides unterscheidet. Aber zurück zum Gesellschaftsbild: Es soll in Deutschland Menschen geben, die in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben. Es soll sogar Paare geben, die keine Kinder haben, schlimmer noch: keine Kinder wollen. Und, jetzt wird es ganz schlimm für unsere Richter, pssst, .. zuweilen leben sogar welche zusammen, die das gleiche Geschlecht haben .... Tja, Richter, die ungeregelte Welt passt nicht so richtig zum geregelten Familienleben. Da kann ich nur sagen, Richter, geht hinaus in die Welt und lernt ... lernt etwas über das Leben. Und immer ein Liedchen auf den Lippen. Wie wäre es mit deutschem Liedgut? “Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...”, so hat Freiherr von Eichendorff in seinem “Aus dem Leben eines Taugenichts” gedichtet.

Dabei bedarf keiner Vertiefung, wie weit eine größere Flexibilität aus sozialpolitischer Sicht sogar Vorteile haben kann, so durch Schaffung von mehr Spielraum für Angestellte bei der individuellen Gestaltung der Arbeitszeit, etwa mit dem Ziel, tagsüber Freiräume für die Kindererziehung zu gewinnen. Eine solche Flexibilität kann insbesondere für die im Einzelhandel besonders zahlreichen Teilzeitbeschäftigten (knapp 50 %; 33 % arbeiten nur geringfügig) bedeutsam sein, bei denen auf Grund der begrenzten Arbeitszeit eine Überbeanspruchung durch ausgedehnte Ladenöffnungszeiten nicht zu erwarten ist. 157

Kindererziehung ... Für Verfassungsrichter ist nichts anderes vorstellbar. Waren die eigentlich im früheren Leben Kindergärtner? Das würde manches erklären. Aber das bedarf keiner Vertiefung, obwohl es aus psychologischer Sicht interessant wäre.

Der Schutz des Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 139 WRV ist nicht auf einen religiösen oder weltanschaulichen Sinngehalt der Sonn- und Feiertage beschränkt. Umfasst ist zwar die Möglichkeit der Religionsausübung an Sonn- und Feiertagen. Die Regelung zielt in der säkularisierten Gesellschafts- und Staatsordnung aber auch auf die Verfolgung profaner Ziele wie die der persönlichen Ruhe, Besinnung, Erholung und Zerstreuung. An den Sonn- und Feiertagen soll grundsätzlich die Geschäftstätigkeit in Form der Erwerbsarbeit, insbesondere der Verrichtung abhängiger Arbeit, ruhen, damit der Einzelne diese Tage allein oder in Gemeinschaft mit anderen ungehindert von werktäglichen Verpflichtungen und Beanspruchungen nutzen kann. Von Bedeutung ist auch die Möglichkeit zur zeitlichen Verzahnung des sozialen Lebens der Bürger und insbesondere zur gemeinsamen Freizeit und gemeinsamen Gestaltung des Familienlebens. Besonders wichtig ist, dass die Bürger sich an Sonn- und Feiertagen von der beruflichen Tätigkeit erholen und das tun können, was sie je individuell für die Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele und als Ausgleich für den Alltag als wichtig ansehen. Die von Art. 139 WRV ebenfalls erfasste seelische Erhebung soll allen Menschen unbeschadet einer religiösen Bindung zuteil werden können. 180

Bemerkenswert: “Besonders wichtig ist, dass die Bürger sich an Sonn- und Feiertagen von der beruflichen Tätigkeit erholen und das tun können, was sie je individuell für die Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele und als Ausgleich für den Alltag als wichtig ansehen.” ICH WILL EINKAUFEN, und das darf ich nicht. Soweit ist es her mit meinen verfassungsmäßigen Rechten. Das widerspricht dem Geist des Grundgesetzes. Ruhe, Besinnung, Erholung und Zerstreuung finde ich nur beim Einkaufen.
Haben unsere Verfassungsrichter eigentlich schon einmal etwas davon gehört, dass das, was sie unter Familie verstehen, Ehemann, Ehefrau, Sohn, Tochter, der Vergangenheit angehört. Die meisten (!) Deutschen leben nicht in einer “traditionellen Familie” und offensichtlich in einem ganz anderen Jahrhundert als unsere Richter. Ich weiss, ich wiederhole mich, aber das liegt an den Redundanzen im Urteil. Unsere Richter sind über die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht hinausgekommen. Angesichts ihres Alters ist das weder verwerflich noch verwunderlich, aber vielleicht wäre es langsam einmal angebracht, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu merken, hey, die jungen Leute leben in “wilden Ehen”, der Kuppeleiparagraph wurde zwischenzeitlich abgeschafft, und es soll sogar gleichgeschlechtliche Paare geben, ehrlich! (Vielleicht sitzt es ja jetzt.) Ganz nebenbei: Wie wäre es mit lebenslangem Lernen auch für Richter?


Schon seit jeher werden an Sonn- und Feiertagen nicht nur Arbeiten gestattet, die aus gesellschaftlichen oder technischen Gründen notwendig sind, sondern auch Arbeiten, welche den Freizeitbedürfnissen der Bevölkerung zugute kommen.

Aha, seit jeher ist das also der Fall. Nun, ob der Neandertaler überhaupt wusste, dass es Sonntage gibt? Ob er, hätte er es gewusst, darauf verzichtet hätte, an diesem Tag zu arbeiten, Beeren zu sammeln zum Beispiel?
Wer verrichtet denn die Arbeiten, die den Freizeitbedürfnissen der Bevölkerung zu Gute kommen? Nun, Teile der Bevölkerung können es nicht sein, denn die Bevölkerung, das macht dieser Abschnitt ganz deutlich, die geht sonntäglichen Vergnügungen im geregelten Familienleben nach und lässt arbeiten - aber von wem ... von der nicht-Bevölkerung vielleicht ???


Sonntägliche Vergnügungen werden nicht unterdrückt, selbst dann nicht, wenn die Veranstalter gewerblich handeln (vgl. Rüfner, in: Festschrift für Martin Heckel, 1999, S. 447 <454>).

Aha, Veranstalter, die gewerblich handeln, sind diejenigen, die nicht zur Bevölkerung gehören. Und wie gut, dass “Rüfner” herausgefunden hat, dass sonntägliche Vergnügungen “selbst dann nicht” unterdrückt werden, wenn die Veranstalter (also die, die nicht zur Bevölkerung gehören ) gewerblich handeln. Das ist eine Erkenntnis, die wahrlich und eigentlich in jede Festschrift gehört.

Insbesondere ist Arbeit für den Sonn- und Feiertag, aber zum Teil auch trotz des Sonn- und Feiertags seit jeher zulässig (vgl. Morlok, in: Dreier, Grundgesetz, Band 3, 2000, Art. 139 WRV/Art. 140 Rn. 24 f.).

Wieso “insbesondere”? Insbesondere qualifiziert das, was nach “insbesondere” kommt, als Teil dessen, was vor “insbesondere” kam und hebt es hervor. (Richter, insbesondere Verfassungsrichter zeichnen sich durch eine gewisse Weltfremdheit aus.) “Aber zum Teil auch trotz”, eine erstaunliche Konstruktion, wie sie nur Juristen einfallen kann. Und in Verbindung mit “insbesondere” klingt das echt schräg, nur Sinn macht es keinen. Da ist es doch beruhigend, wenn man erklärt bekommt, dass das, was insbesondere, aber zum Teil auch trotz stattfindet, seit jeher zulässig ist. Diese Erkenntnis verdanken wir Morlok. Morlok, der die Geschichte dessen, was insbesondere, aber zum Teil auch trotz stattfindet, bis in die Anfänge der Erde, ja bis zum Urknall eben bis “seit jeher” zurückverfolgt hat. Hat Morlok eigentlich etwas mit H.G. Wells zu tun?

Im Falle der Arbeit für den Sonn- und Feiertag kann die Abwägung zwischen den Freizeitbelangen der Bevölkerung und der Belastung der Arbeitnehmer durch Arbeit eher zum Zurücktreten des Sonn- und Feiertagsschutzes der betreffenden Arbeitnehmer führen als bei der Arbeit trotz Sonn- und Feiertag.Stets aber muss ein hinreichendes Niveau des Sonn- und Feiertagsschutzes gewahrt bleiben. 182

Also jetzt wissen wir es: Die, die nicht zur Bevölkerung gehören, das sind die Arbeitnehmer. Und Arbeitnehmer, das sind die, die arbeiten, auch an Sonn- und Feiertagen. Und daraus ergibt sich, dass die Bevölkerung nicht arbeitet.
Und was lernen wir noch: Arbeit für den Sonn- und Feiertag ist gut, Arbeit trotz Sonn- und Feiertag nicht. Juristen, wehe wenn sie losgelassen .... Arbeit für den Sonn- und Feiertag, Arbeit trotz Sonn- und Feiertag, also was mache ich jetzt, wenn ich Sonntags an einem Artikel schreibe, arbeite ich, ich Verwerflicher, trotz Sonntag, oder arbeite ich für den Sonntag. Und was ist mit Notärzten, Feuerwehrleuten, Polizisten, Wachmännern, die die wichtigen Urteile des Bundesverfassungsgerichts bewachen, arbeiten die “trotz”oder für den Sonntag?
Und weil das noch nicht reicht: “Stets aber muss ein hinreichendes Niveau des Sonn- und Feiertagsschutzes gewahrt bleiben.” Also bis zum Ende des Universums und überall, nicht nur in Deutschland. Bescheidenheit ist nicht die Stärke der Verfassungsrichter, und was Psychologen zu Leuten sagen, die mit allgemeinen Konzepten um sich werfen und die tatsächliche Tragweite ihrer Rede nicht abschätzen können, das erspare ich unseren Verfassungshütern lieber, sonst kommen ihnen noch Zweifel, Selbstzweifel am Ende, ... nicht auszudenken ...

nach oben


Grundsätzliches zu dieser Rubrik



Wir leben in einer Informationsgesellschaft, wird uns gesagt. Die Globalisierung, so heißt es, mache die Welt zu einem Dorf. Jede Information komme schnell von hier nach dort, selbst dann, wenn das "Hier" sehr weit von dem "Dort" entfernt ist. Aber nur, wenn es in einer Presseagentur zu einem Text verarbeitet und an Tageszeitungen geliefert wird. Was von einer Presseagentur nicht gemeldet wird, das hat es z.B. für die Leser deutscher Tageszeitungen nicht gegeben. Kein deutscher Leser wird je davon erfahren - von wegen Informationsgesellschaft und Globalisierung. Dafür können alle deutschen Leser das, was von den Schreibern der Presseagenturen als wichtig angesehen wird, in jeder überparteilichen und unabhängigen Tageszeitung lesen, identisch bis in die letzte Formulierung, lediglich in der Menge der Schreibfehler unterschieden. Und das nennen wir dann Meinungsvielfalt.

Damit nicht genug: Die meisten Tageszeitungen füllen einen Großteil ihrer Seiten mit dem, was sie von Presseagenturen geliefert bekommen. Eigenes Recherchieren eigener Redakteure und vor allem eigenes Schreiben ist eher die Ausnahme als die Regel. Aus diesem Grund muss man in den verschiedensten Zeitungen weitgehend die selben Texte lesen. Das ist tragisch für die Leser, denn das, was gleichlautend nicht nur auf den ersten Seiten vieler deutscher Tageszeitungen steht, ist langweilig und noch dazu in schlechtem Deutsch verfasst. Doch wird auf diese Weise gewährleistet, dass in fast jeder Tageszeitung dieselben Vorurteile verbreitet werden, die selben Stereotype durch die Zeilen geistern und die selben Feindbilder aufgebaut, gehegt und gepflegt werden. Und das nennt man dann wohl Gleichschaltung.

Schlließlich leben wir in einer Zeit, in der die Wortungetüme, die sinnlosen Hauptworte in Legionen Sätze bevölkern, Verben zu einer aussterbenden Gattung gehören. Das hat eine Ursache: Mit Hauptworten kann man viel gaukeln, viel Staub aufwirbeln, ohne etwas zu sagen. Dagegen sind Verben so erschreckend konkret. Und das ist nur ein Punkt, der das Geschwafel und Geschreibsel "offizieller Stellen" und "offizieller Redner" so unerträglich macht. Politiker bzw. diejenigen, die ihnen die Reden und die Pressemitteilungen schreiben, wollen viel Papier mit ihren Worten belasten, viel Luft mit dem, was sie sagen, kontaminieren. Sie versuchen uns zu verdummen, oder sie können es nicht besser. Man kann es sich gerade aussuchen. Ehrlich gesagt, ich tendiere zu Letzterem!