Mein Berufsethos




Jeder Journalist, der gefragt wird, warum er Berichte schreibt, wird dies damit begründen, dass er informieren möchte. Ich bin Journalist und möchte informieren. Dies ist ein heikles Geschäft, denn in Deutschland herrscht das Dogma der objektiven Berichterstattung.

Was ist objektiv? Ist es objektiv, wenn - wie dies beim Deutschlandfunk die Regel ist - dem Zuhörer das, was er denken soll, zumeist in Form von Adjektiven untergeschoben wird, z.B. radikal-islamistische hamaas-Bewegung? Beide Adjektive können problemlos durch böse ersetzt werden. Ist das objektiv, oder ist es nicht vielmehr ein Beleg dafür, dass Journalisten, die ihrem Ethos nach kritisch sein wollen und sollen, eine vorgegebene Version, eine vorgegebene Einteilung in gut und böse völlig unkritisch übernommen haben und bedenkenlos an ihre Hörer und Leser weitergeben? Vielleicht ist die hamaas-Bewegung böse, vielleicht auch nicht. Welchen Wert hat eine solche Wertung, wenn es um die Berichterstattung über ein Ereignis geht, bei dem hamaas eine Rolle spielt? Anstelle der plumpen Indoktrination sollte die Information stehen. Ich glaube, die Adressaten der Informationen, die Journalisten bieten, können alle selbst denken. Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, was gut und was böse ist. Sie hören, was berichtet wird, und bilden sich ihre eigene Meinung, sofern sie die Information für relevant halten.

Allerdings führt die Forderung nach Information anstelle der Wertung gleich zum nächsten Problem: Dem Mythos von der objektiven und wahren Beschreibung dessen, was man als Journalist recherchiert, gesehen oder gehört hat oder zu haben glaubt. Als ich meine Tätigkeit als Gerichtsreporter begonnen habe, stand gleich zu Anfang der Abschied vom Mythos der wahren Berichterstattung. Jeder (Gerichts-)Bericht ist eine Auswahl bestimmter Dinge, die mir wichtig erscheinen, unter Auslassung der Dinge, die mir unwichtig erscheinen. Journalisten, die behaupten, das sei bei ihnen anders, machen ihren Lesern, wenn nicht sich selbst etwas vor. Welchen Grund hat jemand, das Offensichtliche zu leugnen? Warum ist es manchen Journalisten so wichtig, ihre Objektivität zu deklamieren? Solche Journalisten, so scheint mir, unterschätzen ihre Leser. Letzteren, so denken Erstere, müsse die objektive und wahre Version präsentiert werden, d.h. das, was der jeweilige Journalist für die objektive bzw. die wahre Version hält. Die Leser, so die weitere Meinung, seien nicht in der Lage, sich ein eigenes Bild über das zu machen, worüber sie gerade lesen. Ich teile diese Ansicht in keiner Weise.

Die Tätigkeit eines Journalisten ist vielmehr eine vermittelnde. Er vermittelt zwischen einem Thema, das er sich erarbeitet hat, und seinen Lesern, die sich - hoffentlich - für sein Thema interessieren. Zur Vermittlung gehört auch die Einordnung, denn den meisten Lesern sind die Hintergründe dessen, worüber ein Journalist gerade berichtet, nicht so gut bekannt, wie sie diesem bekannt sein sollten.

Ich habe meine journalistische Tätigkeit als Gerichtsreporter begonnen. Mittlerweile bin ich in drei Bereichen tätig: Ich schreibe über Gerichtsverhandlungen, über Statistiken und über die Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlern. Die drei Bereiche haben eines gemeinsam: Der Text, den ich letztlich meinen Lesern präsentiere, lebt davon, dass es mir gelingt, das, was in einem Gerichtssaal geschieht, das, was in einer Statistik steht, oder das, was ein Sozialwissenschaftler herausgefunden hat, in einen interessanten Text zu packen und in Worten zu vermitteln, die verständlich sind. Verständlich wiederum ist ein Text nur dann, wenn der, der ihn schreibt, weiss, worüber er schreibt.



GERICHTSBERICHTE

Wenn man bei unterschiedlichen deutschen Gerichten unterwegs ist, Verhandlungen verfolgt und Urteile hört, dann kann man nicht anders als zu vergleichen: Man vergleicht den Verhandlungsstil der einzelnen Richter, die Strafen, die für ähnliche Straftaten durch unterschiedliche Richter oder vor dem Hintergrund unterschiedlicher Rechtssysteme (Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht) ausgesprochen werden u.v.m. Dies bleibt nicht ohne Folgen für das eigene Rechtsempfinden und den Schreibstil. Als Gerichtsreporter, der täglich an Gerichten unterwegs ist, wird man unweigerlich zum "externen Experten" - jedenfalls dann, wenn man seinen Beruf ernst nimmt.

Ein Gerichtsreporter muss seinen Lesern nicht nur einen Eindruck von einer Gerichtsverhandlung geben, er muss den vermittelten Eindruck auch einordnen. Wer, wenn nicht ein Gerichtsreporter sollte dies tun? Die Leser, die in der Regel nicht so häufig bei Gerichten sind wie es ein Gerichtsreporter sein sollte, können es nicht: Sie haben nicht die Einblicke, die ein Gerichtsreporter hat oder zumindest haben sollte. Deshalb ist es die Aufgabe eines Gerichtsreporters, die Alltäglichkeit dessen, was Recht sein soll, aufzuzeigen: Recht ist nichts, was als hehres Etwas über uns schwebt, sondern etwas, das jeden Tag aufs Neue vor Gerichten ausgehandelt werden muss. Manche Angeklagte sind gute Händler oder haben eine gute Verhandlungsposition, manche nicht. Recht ist in jedem Fall das, was hinten herauskommt.

Schließlich ist es die Aufgabe eines Gerichtsreporters, juristische Gepflogenheiten zu vermitteln und zu hinterfragen: Was sind die strafrechtlichen Folgen einer Trunkenheitsfahrt? Was ist ein bedingter Vorsatz? Warum haben Jugendliche bei vergleichbaren Straftaten mit erheblich weniger Konsequenzen zu rechnen als Erwachsene, und welche Folgen produziert diese Toleranz gegenüber den Straftaten Jugendlicher täglich aufs Neue?

Wer meine Beiträge liest, kann diese und andere Fragen beantworten.

Von Gerichtsverhandlungen, bei denen ein Fall verhandelt wird, zu Statistiken über Kriminalität, in denen Klassen von Fällen gezählt werden, ist es nicht weit. Entsprechend habe ich begonnen, u.a. meine täglichen Erlebnisse in ein zahlenmäßig größeres Ganzes einzuordnen, aber nicht nur aufgrund persönlicher Anschauung, sondern auch aus Ärger.



STATISTISCHE BEITRÄGE

Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Mit Statistik kann man alles beweisen. Diese und andere Sprüche über Statistiken kann ich nicht mehr hören. Sicher, es gibt schlechte Statistiken, aber es gibt eine stattliche Anzahl von Wissenschaftlern, die sich mit Zahlen, Statistik und dem, was man aus beidem machen kann, beschäftigen. Man nennt sie empirisch arbeitende Wissenschaftler, d.h. sie bemühen sich darum, ihre Behauptungen mit Zahlen zu belegen. Eine Statistik muss man lesen können. Dies ist ein Grund, warum Statistiken den schlechten Ruf haben, den sie haben. Es gibt zu viele, die denken, sie wüssten, was in einer Statistik steht und zu wenige, die es tatsächlich wissen, die tatsächlich in der Lage sind, eine Statistik zu lesen.

Wie oft haben Sie schon gelesen, dass in der Polizeilichen Kriminalstatistik stünde, wie viele Straftaten in Deutschland in einem Jahr begangen worden seien? Wer weiss schon, dass in der Polizeilichen Kriminalstatistik im Wesentlichen nur das steht, was Polizeibeamten angezeigt wird. Zwischen dem, was Polizeibeamten angezeigt wird, und dem, was tatsächlich an Straftaten begangen wird, besteht ein erheblicher Unterschied. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden zudem Tatverdächtige erfasst. In welchem Verhältnis stehen diese zu den Verurteilten, die in der Strafverfolgungsstatistik ausgewiesen sind? Verurteilt wird nur ein Bruchteil der polizeilich ermittelten Tatverdächtigen. Wo sind die Tatverdächtigen geblieben, die nicht verurteilt wurden? Welche Statistik enthält nun die Kriminellen? Es zeigt sich, das mit den Statistiken ist gar nicht so einfach.

Ich habe mich während meines Studiums und im Anschluss daran mit Statistiken beschäftigt. Vor diesem Hintergrund will ich dazu beitragen, die Kenntnisse darüber, was man einer Statistik entnehmen kann und vor allem: was nicht, weiter zu entwickeln. Dabei habe ich mir mit der Zeit angewöhnt, die Statistiken, über die ich schreibe, in den Kontext einzupassen, aus dem sie stammen: den der Sozialwissenschaften.

Wie viele Ehen werden pro Jahr geschieden, und warum verhält es sich mit einer Ehescheidung wie mit einem Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel? Wie viele Schüler gehen derzeit auf ein Gymnasium, und warum sind Bildungsforscher der Meinung, deren Zahl sei zu gering? Warum sind Jugendliche in der Statistik der Polizei überdurchschnittlich häufig zu finden, und warum sagt dies wenig darüber aus, ob Jugendliche häufiger Straftaten begehen als Erwachsene?

Das ist ein Teil der Themen, die ich bislang bearbeitet habe. Von ihnen zu Beiträgen, in denen ich über die neuesten Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlern berichte, ist es kein weiter Weg.



LANS _ BEITRÄGE AUS DEN SOZIALWISSENSCHAFTEN

Die Sozialwissenschaften haben mehr zu bieten als Vermutungen und Meinungen, die sich in eine wolkige, nichtssagende Sprache gepackt, im Feuilleton so mancher Wochen- oder Tageszeitung finden. Mit Soziologie, Psychologie und anderen Sozialwissenschaften, in denen empirisch arbeitende Wissenschaftler für das tägliche Leben relevante Erkenntnisse produzieren, hat das nichts zu tun. Leider ist das Wissen um empirisch arbeitende Wissenschaftler nicht weit verbreitet, und Letztere forschen lieber, als dass sie sich Zeitungsredakteuren zur Kenntnis bringen. Kurz: Zwischen den interessanten Arbeiten von Sozialwissenschaftlern und dem, was bei Zeitungen ankommt, klafft eine riesige Lücke, die ich schließen, zumindest aber überbrücken möchte.

Wie spannend sozialwissenschaftliche Forschung ist, zeigen die folgenden Beispiele:

Sechs Bekannte sind durchschnittlich nötig, um z.B. einen Rechten mit einem anatolischen Bauern zu verbinden. Dies ist ein Ergebnis der Forschung des Psychologen Stanley Milgram. Das Ergebnis hat handfeste Folgen: Als Rechter kann man nicht davor sicher sein, plötzlich und unvorhergesehen mit denjenigen konfrontiert zu sein, gegen die man so lautstark agitiert. Sicher kann auch kein Verkehrsplaner darüber sein, dass er durch die Gurtpflicht Leben rettet. Auch diese Erkenntnis verdanken wir einem Psychologen, Gerald Wilde mit Namen. Er hat herausgefunden, dass erhöhte Sicherheit der Fahrer zu höherer Unsicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer führt. Die Soziologin Heike Diefenbach hat gezeigt, dass Kinder geschiedener Eltern ein höheres Scheidungsrisiko haben als Kinder, deren Eltern sich nicht haben scheiden lassen und erklärt, woran das liegt. Der Ökonom Bruno S. Frey hat offen gelegt, dass der Versuch, die Steuereinnahmen durch eine rigide Steuerpolitik zu erhöhen, dazu führt, dass der Fiskus noch weniger Geld in seinen Taschen hat als er ohne die rigide Steuerpolitik gehabt hätte.

Die Beispiele machen deutlich, dass Sozialwissenschaftler wesentlich Wichtigeres von sich geben als blumige Reden zur Lage bzw. Krise der Gesellschaft. Die genannten Forschungsergebnisse etwa haben handfeste Konsequenzen, deren Tragweite in keinerlei Verhältnis zur Aufmerksamkeit steht, die ihnen in der Öffentlichkeit bislang gewidmet wird.

Das möchte ich ändern.